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24.04.2023 15:40 Alter: 1 year

JKU nimmt Stellung zur Jugendumfrage Ansfelden


Stellungnahmen zur Jugendumfrage Ansfelden

Stellungnahme von o. Univ.-Prof. Dr. Johann Bacher, Institut für Soziologie, Abteilung für Empirische Sozialforschung der JKU

Die betreffende Jugendbefragung in Ansfelden wird von Mitarbeiter*innen der Abteilung für Empirische Sozialforschung des Instituts für Soziologie der Johannes Kepler Universität Linz in Kooperation mit dem Jugendbüro Ansfelden durchgeführt.

Zitiert werden in den Medienberichten in der Umfrage verwendete Aussagen, welche die befragten Jugendlichen befürworten oder ablehnen konnten. Mit den Aussagen sollten die Einstellungen von Jugendlichen zu Geschlechterrollen und zur Homosexualität erfasst werden.

Der Entwicklung des Fragebogens gingen Gespräche mit Jugendlichen voraus, in denen sich u.a. zeigte, dass Geschlechterrollen und sexuelle Orientierungen für sie wichtige Themen sind. Daher wurde beschlossen, entsprechende Fragen in den Fragebogen aufzunehmen. Eine Möglichkeit, dies zu tun, besteht darin, dass im Fragebogen Aussagen, wie z.B. die in den Medien zitierte Aussage „Ich finde es ekelhaft, wenn zwei Männer sich küssen“, formuliert werden und anschließend die Befragten gebeten werden, ihnen zuzustimmen oder sie abzulehnen.

Bei der Formulierung von Fragen sind bestimmte methodische Regeln zu beachten. So z.B. sollten mehrere Aussagen zur Beantwortung vorgegeben werden und diese Aussagen sollten ausgewogen formuliert werden. Neben einer Aussage, wie „Ich finde es ekelhaft, wenn zwei Männer sich küssen“, die eine Ablehnung der Homosexualität von Männern ausdrückt, sollte eine weitere Aussage formuliert werden, die zur Homosexualität positiv steht, wie z.B. „Ich finde es richtig, dass Ehen zwischen zwei Männern erlaubt sind.“ (Anmerkung: Analog können Fragen für Frauen formuliert werden.) Zudem sollten die Aussagen nach Möglichkeit anderen bewährten Studien entnommen werden, u.a. um Vergleichswerte zu haben.

Bei der Jugendbefragung in Ansfelden wurde zwar die Aussage „Ich finde es ekelhaft, wenn zwei Männer sich küssen“ aus einer Umfrage zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit übernommen, die Jugendbefragung in Ansfelden hat aber verabsäumt, ausgewogen zu formulieren. Ausgewählt wurde ein einziges Item und in der entsprechenden Aussagenliste fehlt eine Aussage, die Homosexualität positiv bewertet. Auch auf die anderen in der Aussagenliste enthaltenen Aussagen zu den beiden Geschlechtern trifft das leider zu. Zudem wurde in der Eingangsfrage unausgewogen nur gefragt: „Wie sehr stimmst du den folgenden Aussagen zu?“. Korrekterweise hätte man hier fragen müssen: „Wie sehr stimmst du den folgenden Aussagen zu oder lehnst sie ab?“

Damit sind bedauerlicherweise methodische Fehler passiert. Es war aber in keiner Phase von den verantwortlichen Mitarbeiter*innen beabsichtigt, bestimmte sexuelle Orientierungen zu bewerten. So z.B. kann eine positive Einstellung zur Homosexualität durch eine Ablehnung der obigen Aussage zum Ausdruck gebracht werden. Sollte das Fehlen einer explizit positiven Aussage zu persönlichen Verletzungen geführt haben, möchte ich mich im Namen des Instituts für Soziologie sowie persönlich bei allen Betroffenen aufrichtig entschuldigen. Das Institut für Soziologie ist sich der sensiblen Thematik bewusst und wird daher in Zukunft stärker auf eine methodische Qualitätssicherung achten. 

Stellungnahme von JKU Rektor Meinhard Lukas

Diversität und Inklusion prägen das Leitbild und die Werte der JKU (siehe JKU Diversitätsstrategie). Das gilt insbesondere auch für die geschlechtliche Identität und die sexuelle Orientierung. Es ist uns ein großes Anliegen, dies auch im Universitätsalltag sowie durch genderneutrale Sprache zu leben (siehe Leitfaden für inklusive Sprache). Ein aktuelles Beispiel sind unsere All-Gender-Toiletten am Campus. Außerdem verstehen wir die Entwicklung einer ausgeprägten Diversitätskompetenz als Teil unseres Auftrags in Forschung und Lehre. Ziel sozialwissenschaftlicher Forschung ist es daher auch, Diversitätsvorbehalte in der Gesellschaft und der Jugendkultur sichtbar zu machen. Daher werden sie in der sozialwissenschaftlichen Praxis bei Umfragen auch adressiert. Dazu gehört es, solche Vorbehalte durch entsprechende Formulierungen abzufragen. 

Die konkrete Umfrage in Ansfelden wird indes den sozialwissenschaftlichen Standards nicht gerecht, weil - wie von Univ.-Prof. Bacher dargestellt - leider methodische Fehler passiert sind.

Die JKU bedauert daher außerordentlich den in der Öffentlichkeit entstandenen Eindruck. Er widerspricht diametral der Haltung und den Werten unserer Universität. Wir führen daher seit dem Wochenende intensive Gespräche mit den beteiligten Akteur*innen sowie der Abteilungs- und Institutsleitung, um den bisherigen Prozess kritisch zu reflektieren und daraus die notwendigen Lehren zu ziehen.